Die Trossinger Eisenbahn - Situation vor dem Bahnbau  
     
 

Die Verkehrsanbindung Trossingens ist schon von alters her nicht besonders gut. Die Höhenlage und der dadurch fehlende Anschluß an die Hauptverkehrswege durch Prim- (Rottweil - Tuttlingen) und Neckartal (Rottweil - Schwenningen), sowie räumliche Trennungen, die Oberamtsstadt Tuttlingen liegt 22 km, bei damaliger Reisegeschwindigkeit also 4 Stunden, entfernt, bedingen u.A. die schlechte Ausgangslage für die Entwicklung Trossingens als Industriestandort. Außerdem erschwert bis 1806 auch die politische Zersplitterung den Handel - sogar mit den nächstliegenden Orten, denn Trossingen liegt in einer württembergischen Enklave und ist so von Zollgrenzen umgeben. Aber auch nach 1806 bildet das Oberamt Tuttlingen den äußersten Südwestzipfel des neuen Königreichs, auf zwei Seiten an Baden grenzend.

Als im Jahre 1863 die Postkutsche erstmals Trossingen erreicht, befindet sich dort dennoch schon eine wachsende Harmonika(haus)industrie, die sich als wichtigen Markt bereits den Amerikaexport zu erschließen beginnt . Die erste Poststelle des Ortes führte der Kaufmann Zeller, Marktplatz 16, in seinem Geschäft. Diese "Karriolpost" stellt zweimal täglich die Verbindung zwischen Aldingen, an der Bahnstrecke Rottweil - Tuttlingen gelegen, und dem Pfarrdorf her.

Die Situation für die expandierende, rohstoffbedürftige und sich zunehmend am Export ausrichtende Industrie ist also nicht allzu befriedigend; und auch als am 26. August 1869 die Bahnstrecke Rottweil - Villingen eröffnet wird, verbessert sich die Lage nicht, da der an dieser Strecke gelegene "Staatsbahnhof Trossingen" fünf Kilometer von der Ortschaft entfernt liegt, also auch diese Verkehrsader wiederum dem Verlauf des Neckars folgt, ohne den Weg über die Höhe Trossingens zu machen. Dennoch werden die Güter von nun an über eine eigens erbaute Straße durch den Steppach transportiert.

Welch hohen Stellenwert man dieser Fuhrverbindung von Seiten der Industrie bei-maß, macht ein Protokoll des Gewerbevereins deutlich: "Für den Fall, daß von dem Bürger-ausschuß der Beschluß des Gemeinderates betreffend die Erbauung und Unterhaltung der Zufahrtsstraße zum Staatsbahnhof Trossingen nicht angenommen würde oder daß die Unterhaltung dieser Straße auf Gemeindekosten von genanntem Kollegium verweigert werden sollte, wenn nicht ein Staatsbeitrag bewilligt wird, ist die Unterhaltung der genannten Zufahrtsstraße solange auf Kosten des Gewerbevereins zu übernehmen, bis der erwähnte Staatsbeitrag erfolgt oder die Kosten von der Gemeinde übernommen werden..."

Immerhin befindet sich im "Staatser", wie der Bahnhof allgemein bis heute genannt wird, nun ein Telegraphenamt, das ab 1881 durch die erste Überland-Fernsprechverbindung Württembergs mit dem Zeller'schen Hause verbunden wird. So ist gegen Ende des 19. Jahrhunderts zwar der Brief- und Paketdienst einigermaßen geregelt, aber die Situation im Frachtverkehr verschärft sich zusehends und der Chronist Ludwig Wilhelm bemerkt: "Für die Beförderung von Briefen und Paketen war gegen das Ende des vergangenen Jahrhunderts durch die Post gut gesorgt [...]. Weit schlimmer dagegen war es um den so schnell anwachsenden Frachtverkehr bestellt. Trotzdem sich der damalige Güterbeförderer und Bahnhofwirt Johs. Maurer mit seinen zwei Fuhrwerken, die er täglich unterwegs hatte, redliche Mühe gab, war es ihm bald unmöglich, die ankommenden und abgehenden Massen zu bewältigen, und so waren unsere Fabrikanten genötigt, die stetig wachsenden Mengen ihrer Rohmaterialien selbst auf dem Staatsbahnhof abholen und die weggehenden Waren hinunter führen zu lassen, was natürlich neben den hohen Auslagen auch viel Zeitverlust verursachte."

Wiederum ist es nun der Gewerbeverein, der die Initiative ergreift, und so notiert das Protokollbuch im Jahr 1893 erstmals offiziell die Bahnidee: "Auf Wunsch ergreift Realschullehrer Lusser das Wort und führt aus, daß das Bedürfnis einer Bahnverbindung mit dem Bahnhof in hohem Grade vorliege. Davon gehen die täglich hörbaren Stimmen Zeugnis, die dem Bedauern darüber Ausdruck verleihen, daß der Ort Trossingen an das Eisenbahnnetz keinen Anschluß hat. Aber ganz abgesehen von dem in jedem Einwohner schon gefühlten Wunsche einer Eisenbahn dränge die industrielle Entwicklung unseres Ortes, die Verhältnisse und Lage der Kleingewerbetreibenden und das Interesse an der Hebung des Wohlstandes der Gemeinde darauf hin, die Verkehrsverbinung mit den nächsten Stationen und Orten möglichst einfach und bequem zu gestalten. Nur dadurch kann der Verkehr von außen nach Trossingen gesteigert und mit ihm auch das ganze Geschäftsleben im Ort selbst eine erfreuliche Änderung zu Gunsten der hiesigen Einwohner erfahren..." . Offenbar findet die Bahnidee unter den Gewerbetreibenden ebenso wie beim damaligen Schultheiß Jakob Koch offene Aufnahme und so stellt der Gewerbeverein sogleich 300 Mark für Vorarbeiten zur Planung durch einen Techniker ein und beschließt, ein "Comitee" zur Einleitung der nötigen Schritte zu wählen; diese Sitzung kann dadurch wohl als die Geburtsstunde der Trossinger Eisenbahn gelten.

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