"Kommt er elektrisch zu uns her, freut uns sein Einzug umsomehr" -
Bau und Eröffnung der Bahn
 
     
 

Der Wille zum Bahnbau war somit also von maßgeblicher Seite bekundet, auch wenn es bis zu diesem Punkt offenbar kein ganz leichter Weg war. Dazu schreibt Wilhelm:

"... brauchte es (1895/96) vieler und langer Beratungen zwischen dem Rathaus und den Industriellen unter dem Vorsitz von Schultheiß Koch, und auch bei den häufigen Zusammenkünften des Gewerbevereins stand jedesmal auf der Tagesordnung: "Eisenbahnverbindung Trossingen - Aldingen oder Trossingen - Staatsbahnhof?" Es lag ja in der Natur der Sache, daß bei diesen Verhand-lungen viele Meinungsverschiedenheiten überwunden und manche kleinlichen und kurzsichtigen Anschauungen bekämpft werden mußten; aber dennoch führten sie, unterstützt von zahlreichen Gutachten bedeutender Sachverständiger, verhältnismäßig rasch zu dem Entschluß, durch das Steppachtal eine normalspurige Verbindugsbahn zum Staatsbahnhof zu bauen und dieselbe elek-trisch zu betreiben. Zu letzterem Zweck sollte in der Nähe des Ortsbahnhofs eine elektrische Anla-ge erstellt und so eingerichtet werden, daß sie nicht nur die Bahn mit elektrischer Kraft zu speisen, sondern solche auch an die hiesigen Gewerbetreibenden und zu Beleuchtungszwechen abzugeben in der Lage wäre."

Und so konnte also kurz nach dem Entschluß des Gewerbevereins zum Planungs-beginn der Gemeinderat am 6. November 1893 über das Projekt im Grundsatz abstimmen. Das Ergebnis war mit 7 zu 3 Stimmen für den Bahnbau dann auch eindeutig, gibt andererseits aber auch klar zu erkennen, daß durchaus auch Zweifel bestanden . So be-fürchtet z.B. der Kaufmann Jacob Gaß ein Abwandern seiner Kundschaft in Richtung der Städte Rottweil und Villingen, was unter anderem folgendes Lesergedicht in der Trossinger Zeitung provozierte.

Von solchen Diskussionen ließ man sich freilich nicht abbringen und so wurde Wilhelm Reisser aus Stuttgart, der eine Vertretung der A.E.G. Berlin betrieb, mit der technischen Realisierung beauftragt. Zur Strecke selbst berichtet die Festschrift zur Eröffnung: "Die Bahn ist als Vollbahn gebaut mit einer Spurweite von 1,435 m, und ist direkt an das Staatsbahngeleise angeschlossen, so dass ein direkter Uebergang der Güterwagen auf das Geleise der Verbindungsbahn Trossingen und der Transport nach Ort Trossingen stattfinden kann.
Die Entfernung zwischen Staatsbahnhof Trossingen und Bahnhof Ort Trossingen beträgt 4,5 km. Die ganze Gleislänge beträgt 5800 m; davon liegen 3300 m in Geraden, 2500 m in Kurven, ferner 2050 m in der Horizontalen. 3750 m in Steigungen. Die grösste Steigung beträgt 3,03 % und zwar auf einer Länge von 1500 m. Der kleinste Radius auf der Strecke beträgt 180 m, in der Bahnhofsanlage 150 m. Das verwendete Vignolschinenprofil wiegt 22 kg per m".

Bevor aber solcherlei in die Tat umgesetzt werden konnte, mußte zunächst die Finanzierung der Mammut-Investition geklärt werden. Da nach mehreren Gesuchen bei den zuständigen Regierungsgremien klar wird, daß man von Staatsseite keine finanzielle Unterstüzung erfahren wird, kommt es schließlich am 10. September 1897 zur Gründung einer Aktiengesellschaft. Auf diese Art gelingt es, das nötige Kapital von 450.000 Mark aufzubringen.

Der Bau hatte bereits 1896 mit den Erdarbeiten, unter Zuhilfenahme von italienischen Gastarbeitern, begonnen und brachte "reges Leben in den Ort". So sind im Herbst 1897 bereits das Elektrizitätswerk und der Ortsbahnhof im Rohbau fertiggestellt und ein Teil der Schienen verlegt, als die Konzession für Bau und Betrieb der Bahnanlage "in Gemäßheit der Allerhöchsten Entschließung Seiner Königlichen Majestät" am 31.12.1897 erteilt wird. Am 12. November schließlich vermeldet die Trossinger Zeitung den Abschied der italienischen Arbeiter: "Zum Abschied spendete J. Meßner, Linde, denselben drei Freiessen, während Bahnbauaufseher Treiber dieselben noch mit Freibier regalierte." Und am 24. November wird berichtet, daß die Wagen, drei an der Zahl und "sehr hübsch und praktisch gebaut und auf das Feinste ausgestattet", mittags um 3 Uhr am Staatsbahnhof Trossingen eingetroffen sind. Vom darauffolgenden Tag weiß der damals elfjährige Karl Haller zu berichten: "Rennet, Buebe, rennet, s' Zügle kommt! so hallte es an einem Spätherbsttag kurze Zeit vor der Eröffnung der Trossinger Eisenbahn durch die Straßen des damaligen Pfarrdorfes. Und die Buben und Mädchen rannten, wie nie zuvor in ihrem Leben, zum Bahnhof. Man kann sich gar nicht vorstellen, welche Freude es für die Schüler damals war, als es hieß, die neuen Wagen für die Trossinger Bahn kommen. Einen solchen Freudentag, es war am Freitag, 25. November, hatte Trossingen wohl kaum zuvor erlebt. Die Buben und Mädchen rannten in die 'Breite' hinaus, wo die Feuerwehr mit dicken Spannseilen die beiden ersten festlich bekränzten Triebwagen und den Personenwagen steppachaufwärts zogen. Schüler der Oberklassen haben dabei fest mitgeholfen, als der erste Zug vom Staatsbahnhof zum neuen Trossinger Bahnhof gezogen wurde. Die elektrische Leitung stand ja noch nicht unter Strom, und so mußte mit Menschenkraft der erste Zug befördert werden. Zwei Stunden lang dauerte es an jenem unfreundlichen Herbsttag, bis das erste Zügle oben war und von vielen Trossingern mit Hurrarufen empfangen wurde. [...]"

In der darauffolgenden Woche fanden dann erste Probefahrten, Bremsproben etc. sowie am 5. Dezember die Abnahme der Wagen statt, so daß am 13. und 14. Dezember 1898 schließlich die feierliche Eröffnungsfeier mit Fackelzug, Feuerwerk, Festgottesdienst, Besichtigungen und Bankett stattfinden konnte. In der Trossinger Zeitung erschien zu diesem Anlaß: "Die Gemeindeanwohner werden gebeten, es möge jeder zur Verherrlichung des Festes das Seinige beitragen, namentlich Häuser an den Hauptstraßen zu dekorieren und zu flaggen." . Wie freudig die "Segnungen" der modernen Technik bei der Bevölkerung aufgenommen wurde berichtet uns nochmals Karl Haller, wenn er erzählt: "Eine Sensation ersten Ranges war es auch, als zum ersten Mal das elektrische Licht in Trossingen anging. Vorher waren in jedem Haus Petroleumlampen und natürlich auch an den meisten Arbeitsplätzen in den Fabriken. Auch die Straßenlaternen hatten Petroleumlicht. [...] Als zum ersten Mal das elektrische Licht brannte, war es, als wäre man im Himmel. Als es hieß, die elektrischen Straßenlampen brennen, da stürzte alles auf die Straßen, um dieses große Ereignis zu erleben...".

Ein weiteres Zeichen für die Hochstimmung, die in Trossingen herrschte ist auch das folgende Festgedicht, das zur Eröffnung der Bahn und des E-Werkes verfaßt wurde.

Und so wurde der nun erreichte Anschluß an moderne Zeiten offenbar allgemein bejubelt, allein einmal kam ein wenig Wehmut auf, wie Oberlehrer Wilhelm berichtet: "... bis die Post am 13. Dezember 1898 von der elektrischen Verbindungsbahn rücksichtslos verdrängt wurde. Wehmütig klang am Abend des 12. Dezember das Lied: "Morgen muß ich fort von hier", das der Postillion auf seiner letzten Fahrt über "Steppachs Anger" und die Bahnhofsstraße hinein ertönen ließ. Auch bei den Trossingern, welche die letzte Ankunft des Postwagens im Bärenhof abwarteten, wurde die Freude über den zuvor gefeierten großen Verkehrsfortschritt für einige Zeit von dem Hauch einer wehmütigen Abschiedsstimmung getrübt."

 

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